Paul Knecht

Photojournalist

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Zwischen Welten – Flüchtlinge in Calais

Im Norden Frankreichs leben 100 - 150 illegale Flüchtlinge. Ihr Ziel ist England, „das gelobte Land“, ihr Gegner die französische Polizei.

Sie kommen zumeist aus Afghanistan oder dem Irak und leben in den Dünen von Calais. Geschlafen wird in Zelten, Büschen, einem alten Bahnwärterhäuschen oder unter freiem Himmel.

So auch Kahn. Er ist Kurde, seine Heimat der Irak. Seit dem Tod seines Vaters versorgt er eine kleine Familie: Seine Mutter, Großmutter und zwei Schwestern. Von Beruf ist er Busfahrer, doch das Einkommen langt bei weitem nicht.
Er ist schüchtern, spricht etwas Englisch und begrüßt mich misstrauisch. Zusammen mit einem Freund sitzt er in den Dünen von Calais, versteckt im Schilf und wartet auf die Dunkelheit. Seine Chance zur Flucht, zur Flucht nach England.

Jeden Abend beginnt das absurde Spiel erneut. Sie warten in der Dunkelheit auf vorbeifahrende und parkende Lastwägen. Sie klammern sich mit ihren Armen an Radachsen, verstecken sich in Containern und versuchen irgendwie auf eine Fähre nach England zu gelangen.

Kahn lädt mich ein sich zu setzen. Er bietet mir eine Zigarette an, ich lehne ab. Langsam kommen wir ins Gespräch. Wie oft er es nachts schon versucht habe will ich wissen.
„Oft“ ist die kurze Antwort. Überhaupt ist er vorsichtig, was er sagt. Nach einer Weile hören wir einen Hund in der Ferne. „Polizei“ sagt er und bedeutet mir ruhig zu sein. Fünf Minuten wird geflüstert, dann ist das Bellen wieder verschwunden, es war wohl nur ein Anwohner, unterwegs mit seinem Hund.

Langsam fasst er Vertrauen und erzählt mir wie die Polizei in der Nacht kam. Mit Hunden haben sie das gesamte Dünengebiet aufgemischt, eine Hand voll Flüchtlinge mitgenommen, Zelte und Schlafplätze zerstört und damit jeden geweckt der nicht gerade im Hafen bei den Lastwägen war.

Auch in den folgenden Nächten kommt immer wieder die Polizei. Ob ich keine Angst vor der Polizei habe werde ich eines Nachts von ein paar Afghanen gefragt. Keine halbe Stunde später sehen wir auch schon Taschenlampen heran rennender Polizisten. Routiniert traben die Flüchtlinge zu einem angrenzenden Zaun und verschwinden dahinter. Schon geht es los, das „allnächtliche“ Katz und Maus Spiel. Zwei weitere Polizeibusse fahren vor, ein Polizist flucht, er hat sich den Fuß verstaucht. Mit Wut im Bauch rennt er weiter. Es sind Männer deren Aufgabe jede Nacht dieselbe ist: Ein paar Flüchtlinge zu erwischen, für 24 Stunden einzusperren um sie dann wieder freizulassen.

Einer der Flüchtlinge bleibt bei mir stehen, sein Bein ist gebrochen. Wie die anderen wegzurennen ist ihm nicht möglich. Er ist noch ein Junge, doch sein Gesicht wirkt erwachsen. Als ihn ein Polizist mitnehmen will kommen ihm Tränen. „Nein, er gehe nicht mit“ sagt er in trotzigem, brüchigem Englisch. Nach einem Hinweis von mir auf seine Minderjährigkeit wird er angewiesen zu gehen. „Wohin?“ fragt er, die Antwort steht symbolisch für seine Situation, „Irgendwohin, nur nicht hier!“.

Mit seinem Bein kann er keinen Fluchtversuch nach England unternehmen, zurück nach Afghanistan kann und will er auch nicht. Zu schwierig sei die Situation dort und zu kompliziert ist das Rückführungsprozedere. Meistens werden Flüchtlinge in das Land abgeschoben über das sie nach Frankreich eingereist sind. In fast allen Fällen ist dies Italien.

Doch auch in Italien werden sie abgeschoben, nach Griechenland, ihr Eintrittsland in die EU. Dublin-II heißt dies im Fachjargon.

Wieder in Griechenland angekommen droht ihnen, entgegen internationalen Abkommen die Abschiebung in die Türkei. Dort werden sie vom Flüchtlingskommissariat der UN betreut. Doch viele stellen erst gar keinen Asylantrag, zur groß ist die Angst vor Ablehnung und der Abschiebung nach Afghanistan. Ein Land in dem Krieg herrscht.

Am nächsten Morgen sehe ich Kahn wieder. Seine müden Augen strahlen und er begrüßt mich wie ein Freund: „Heute ist ein guter Tag“, sagt er. Eine örtliche Hilfsorganisation hat neue Kleider und Schuhe verteilt. Als wir uns verabschieden wünsche ich ihm viel Erfolg für die Zukunft. Wir umarmen uns und zuversichtlich sagt er: „Jede Stunde geht eine Fähre, jede Stunde eine neue Chance“.
Eine Chance auf ein neues Leben in England.

Dass es nur die wenigsten auf die Insel schaffen, dass es strenge Sicherheitskontrollen gibt, weiß auch Kahn, doch die Hoffnung ist alles was ihm bleibt.

By Paul Knecht, July 2010