Ein Land feiert sich
Ein Bericht von den Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit am 9ten Juli 2011.
Eigentlich sollte es schon seit anderthalb Stunden losgehen. Die Tribüne ist schon lange überfüllt und von den Sicherheitskräften weiß niemand das Chaos zu lösen. Da bitten sie die Generäle ihren Platz zu räumen. Der indische Vizepräsident ist angekommen und nun sucht man händeringend einen Stuhl für ihn. Vom Protokoll weiß kaum jemand wer da vor ihnen steht, aber da sich Riek Machar persönlich um den Gast bemüht, muss er wohl wichtig sein. Riek Machar ist Sudanese, in zwei Stunden wird er der erste Vizepräsident der "Republik Südsudan" sein.
Willkommen in Afrika, willkommen im Südsudan.
Und genau das wird heute gefeiert: Südsudan wird afrikanisch.
Mit dem Abzug der Kolonialmacht im Jahr 1956 wurde der afrikanische Süden dem arabischen Norden unterstellt. Getroffen wurde die Entscheidung ohne Beteiligung des Südens. Dieser fühlte sich vom Norden unterdrückt und griff zu den Waffen. 16 Jahre dauerte der Krieg und forderte über eine halbe Millionen Opfer. Am Ende stand die Autonomie für den Süden. Doch mit der Einführung der Scharia, in dem zumeist christlich geprägten Süden und der Unterschlagung von Ölressourcen begann der Krieg 1983 erneut. Der Norden schickte Bomben vom Himmel und die Rebellen kämpften aus dem Busch heraus. Mit einem Friedensabkommen 2005 wurde der Bürgerkrieg schlussendlich beigelegt.
Heute wird der Südsudan nun endlich ein Staat. Seit Monaten wurde in den Medien über diesen Tag diskutiert, wie würde er wohl ablaufen? Soll al Bashir, der verhasste Präsident des Nordens eingeladen werden? Was passiert mit der alten sudanesischen Flagge? Wird Obama kommen?
Jetzt ist es endlich soweit. Zehntausende Menschen sind auf den "Platz der Freiheit" gekommen und ausgerechnet jetzt, läuft nichts zusammen. Zuerst bricht an einer Ecke Panik aus, der rote Teppich fliegt durch die vorbeifahrenden Autos davon, eine Gruppe Journalisten rennt über abgesperrtes Gelände und jetzt gibt es keinen Platz für den indischen Präsidenten. Doch die Südsudanesen stört das wenig. Gelassen warten sie und feiern sich, bis der künftige südsudanesische Präsident erscheint: Salva Kiir, nur echt mit schwarzem Cowboyhut.
Er ist Präsident und Volksheld zugleich. An die Macht kam er, als Rebellenführer John Garang 2005 bei einem Helikopterabsturz starb. Fast überall im Land sieht man die Portraits dieser beiden Männer. Der eine wird als Freiheitskämpfer und Märtyrer verehrt, während man unter Salva Kiir meistens die Worte "Vision & Mission" findet. Er ist der charismatische Politiker, dem viele ihr ganzes Vertrauen schenken. Während er einen Teil der Opposition in seine Partei aufnimmt, erklärt er den anderen Teil zum Landesfeind. Gemischt mit einer Prise Korruption erreichte er so vor einem Jahr in den Präsidentschaftswahlen stolze 93 Prozent.
Mit drei Stunden Verspätung erscheint Salva Kiir auf der Bühne. Unter ihm paradieren die Soldaten der Armee, Spezialeinheiten, Polizisten, Vertreter aus Kirche sowie Zivilgesellschaft und eine Gruppe Kriegsveteranen. Man spürt den Stolz der Nation als die Flagge gehisst wird. Es sei die höchste in Afrika und die erste, die elektronisch per Fernbedienung gesteuert wird. Danach wird die Verfassung verlesen und der Präsident vereidigt. Er schwört, den Menschen zu dienen, die Verfassung zu wahren und die Demokratie in seinem Land vollständig zu etablieren. Die Menschen erwidern den Schwur mit "Südsudan Oyeeee, Südsudan Oyeeee, Südsudan Oyeeee". Sie vertrauen ihrem neuen Präsidenten.
Nur eine Gruppe ist zum Schweigen verpflichtet, die Soldaten. Während der gesamten Zeremonie stehen sie in der prallen Sonne. Über ihre Gesichter rinnt der Schweiß, gegen Ende brechen sie im zehn Minuten Takt zusammen. Das Lazarett hinter der Tribüne ist bald überfüllt mit bewusstlosen Soldaten. Direkt neben dem Lazarett gibt es Getränke für die VIPs.
Im Hintergrund ertönen die Reden von al Bashir, Ban Ki Moon und den anderen Landesvertretern. Sie gratulieren und sprechen über ihre Wünsche für den neuen Staat. Kaum noch einer hört zu. Der Platz der Freiheit leert sich, man feiert auf den Straßen.
Die kleinen Probleme von heute sind vergessen, über die großen Herausforderungen der Zukunft wird unter den Menschen kaum gesprochen. Der Südsudan lebt vielleicht zum ersten mal in der Gegenwart und feiert sich selber: "Südsudan Oyeeee".
Der Bericht erschien überarbeitet auf der Webseite der Hilfsorganisation missio.
Juli 2011
Autor: Paul Knecht