Paul Knecht

Photojournalist

Contact

Aufbruch ins gelobte Land

Über vier Millionen Südsudanesen flohen während des Bürgerkrieges in den Norden des Sudans. Zur Gründung Ihres Staates am 9. Juli 2011 kommen Sie zurück in Ihre Heimat. Eine Heimat die viele der Jüngeren nicht einmal mehr kennen. Oft haben die Familien 20 Jahre oder länger im Norden gewohnt, sich an den dortigen Standard gewöhnt und müssen nur von vorne anfangen.

"Morgen fahren wir nach Hause, in unsere Heimat" erzählt John Orisa Gatano. Er ist glücklich und strahlt. Seit anderthalb Monaten lebt er jetzt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in einem Lager kurz vor der neuen Grenze zum Süden. Kosti, so heißt die beschauliche Kleinstadt an dessen Rand ein Lager errichtet wurde um von dort den Transport der Heimkehrer zu organisieren. Hierher kommen Familien wie die Gatanos mit all Ihrem Hab und Gut, um auf Schiffe zu warten, die sie nach Juba bringen, der neuen Hauptstadt des Südsudans.

Davor lebte John über sieben Jahre in Khartum. Er arbeitete dort, heiratete und bekam drei Kinder. Genauso wie mehr als eine Millionen (*) weitere Südsudanesen war auch er nur geduldet in der Hauptstadt des Feindes. Er musste Abweisung ertragen, doch er hatte Arbeit und meistens genug zu Essen. Die Kinder gingen zur Schule und am Wochenende traf man sich mit anderen Südsudanesen in der Kirche. All das ist für ein Land mit islamischem Recht keine Selbstverständlichkeit. Doch der Sudan ist ein Land voller Widersprüche.

Ursprünglich eine Kolonie der Briten, war es das größte Land Afrikas, mit einer Fläche siebenmal so groß wie Deutschland. Mit dem Abzug der Kolonialmacht im Jahr 1956 wurde der afrikanische Süden dem arabischen Norden unterstellt. Getroffen wurde die Entscheidung ohne Beteiligung des Südens. Dieser fühlte sich vom Norden unterdrückt und griff zu den Waffen. 16 Jahre dauerte der Krieg und forderte über eine halbe Millionen Opfer. Am Ende stand die Autonomie für den ölreichen Süden. Man erhoffte sich einen wirtschaftlichen Aufschwung und eine Zukunft in Freiheit. Doch mit der Einführung der Scharia, in dem zumeist christlich geprägten Süden und der Unterschlagung von Ölressourcen begann der Krieg 1983 erneut. Der Norden schickte Bomben vom Himmel und die Rebellen kämpften aus dem Busch heraus.

John's Familie kommt aus Ikotos, einer kleinen Stadt an der Grenze zu Uganda mit 80.000 Einwohnern. Viel erzählt er nicht über diese Zeit. Doch die Antonovs, alte russische Transportflugzeuge, sind allen Ikotorianern im Gedächtnis geblieben. Sie wurden zu primitiven Bomber umfunktioniert und waren damit die meist gefürchtetste Waffe des Nordens. Voll beladen mit Bomben, rollte man ihre tödliche Fracht einfach zur Ladeklappe heraus, direkt über Dörfern und Städten. Wie die meisten Bewohner Ikotos wohnte auch Johns Familie am Fuß eines nahe gelegenen Berges um so wenigstens ein bisschen Schutz vor den Bomben zu finden.

Die Schiffe die sie jetzt wieder in den Süden bringen sollen, liegen schon seit Tagen beladen in Kosti. Es sind einfache, zusammengebundene Bargen. Abgedeckt mit löchrigem Wellblech, transportieren sie 800 Menschen mitsamt ihrem Gepäck. Darunter Kinder, Alte und Schwangere. Eine der Frauen erwartet Zwillinge. Ihre Kleidung ist dreckig, das Gesicht verschwitzt. Sie hat sich nicht geschont und zusammen mit Ihrem Mann das Schiff beladen. "Viele der Frauen sind schwanger und packen trotzdem voll mit an. Dies führt oft zu Fehlgeburten" erzählt Frau Murphy, Leiterin der Hilfsorganisation FAR. Um die Frauen wenigstens bei ihrer Geburt medizinisch zu betreuen schickt ihre Organisation einen Arzt und eine Hebamme mit auf die Schiffe. Auch ein Wasserfiltersystem hat sie installieren lassen.

Wann die Schiffe genau fahren werden weiß niemand. Zuerst fehlte der Navigator und ein anderer Kollege musste organisiert werden, dann gab es Schwierigkeiten mit der Bezahlung. Die ansässigen Hilfsorganisationen sind hilflos. Organisiert werden die Transporte gemeinsam vom Nord- und Südsudan. Das Geld kommt von internationalen Geldgebern. Die Hilfsorganisationen versuchen das auszubessern, wozu die staatlichen Organisationen nicht im Stande sind. So wird auch jetzt wieder eilig das Dach von einem der Schiffe repariert. Von den Hilfsorganisation weiß niemand wie viel Zeit bis zur Abfahrt bleibt.

Am nächsten Morgen versammeln sich viele aus dem Lager bei den Schiffen. Sie singen Lieder, preisen Gott und feiern ihre neue Heimat. Dabei müssen sie selbst oft noch wochenlang auf ihren Weitertransport warten. Unter die Feiernden mischen sich hilflose Mitarbeiter der NGOs. Sie wollten den Ablauf dieses mal besser koordinieren und müssen nun doch einem heillosen Chaos zusehen. In letzter Minute kommen weitere Familien und drängen sich vorbei an den Wartenden auf das Schiff. Von den staatlichen Organisationen hält sie niemand auf, man scheint sich zu kennen. Frau Murphy ist frustriert. Tag und Nacht hatte sie mit ihren Mitarbeitern an einem Zählsystem gearbeitet um die Menschen im Lager und an Bord der Schiffe zu zählen. Für die Hilfsorganisationen sind diese Zahlen wichtig. Mit ihnen bekommen sie Spenden von den Geldgebern und können den Weitertransport organisieren. Schon jetzt platzt das Zwischenlager in Kosti aus allen Nähten. Stündlich kommen neue Heimkehrer an. Trotzdem weigert sich die Regierung des Sudan das Lager zu vergrößern. So leben inzwischen viele der Heimkehrer außerhalb des Lagers, ohne sanitäre Anlagen und ausreichend Trinkwasser.

Auf der Schifffahrt erwartet die Heimkehrer der aufreibendste Teil der Reise. Die Schiffe sind vollkommen überfüllt und überall steht Gepäck im Weg. Gekocht wird notdürftig über dem Feuer. Mit Planen versuchen sie sich gegen die Regenzeit zu schützen, doch viel hilft das nicht. Der Wind peitscht den Regen durch jede Ritze und die Feuchtigkeit kriecht in die Knochen. Viele der Reisenden erkranken, einige bekommen Malaria und eine der Frauen gebärt noch auf dem Schiff. Doch all den Anstrengungen zum Trotz besingen sie auf den letzten Kilometern der Schifffahrt Gott, sich selbst und ihr gelobtes Landes. Nach zwei Wochen im Regen auf dem Nil kommen sie geschwächt im Hafen von Juba an.

Die Sonne scheint in der Hauptstadt als John mit seiner Familie das Schiff verlässt. Die alten dreckigen Klamotten von der Fahrt haben sie noch schnell gegen Frische getauscht. Nach der Registrierung entlädt er mit seiner Frau das Schiff. Betten, Stühle, Töpfe, Decken, Schränke. Ihren gesamten Hausstand haben sie aus Khartum mitgebracht. Sogar ein Fernseher ist dabei.

Bei den anderen Heimkehrern entlädt sich jetzt die Anspannung der Fahrt. Eine Frau bricht heulend zusammen. Total erschöpft liegt sie an der Böschung. Weiter hinten auf den Schiffen schlägt ein Mann seiner Frau ins Gesicht. Die Nerven liegen blank. Viele sind am Ende ihrer Kräfte. Ein Heimkehrer erzählt: "Alles wurde nass vom Regen. Schlafen konnten wir nur im Sitzen oder Stehen".

Im Hafen sitzt eine Familie mit ihrem Neugeborenen. Auf dem Schiff hat die Frau Zwillinge zur Welt gebracht. Von den Zweien hat nur eines überlebt, das andere starb bei der Geburt. Mit einem Bibelzitat aus dem Buch Hiob tröstet der Mann die Familie. "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, gepriesen sei der Name des Herrn". Für sie ist der Glaube der einzige Halt in der alten und doch fremden Heimat.

Juba ist die Hauptstadt dieser Heimat. Es ist eine bizarre Mischung aus arm und reich. Das Leben in der Stadt ist teuer. Es gibt kaum örtliche Fabriken, alles wird importiert. Die neue Elite katapultiert das Land zusammen mit Hilfsorganisationen in ein neues Zeitalter. Überall wird gebaut. Neue Straßen entstehen direkt neben Wohnsiedlungen aus traditionellen Grashütten. Plakatwände bewerben mobiles Internet, während über 70 Prozent der Südsudanesen weder Lesen noch Schreiben können. Die Hauptstadt entwickelt sich in rasantem Tempo. Auch die Preise explodieren. Eine kleine Wohnung im Zentrum kostet 600 Euro im Monat. Für die meisten Familien übersteigt das ihr Einkommen. Sie leben in einfachen Hütten außerhalb des Zentrums.

Auch John kann sich ein Leben in der Hauptstadt nicht leisten. Er will mit seiner Familie zurück nach Ikotos. Die internationale Organisation für Migration (IOM) hilft ihm dabei. Von Juba organisiert die Organisation Konvois in alle Ecken des Landes. Um sich von den Strapazen der Schifffahrt zu erholen, haben sie zusammen mit der UN in Juba ein Zwischenlager errichtet. Dort verbringen die Heimkehrer einige Tage, bis sie dann zu ihren endgültigen Zielen aufbrechen. Auch dieses Zwischenlager ist überbelegt, doch es gibt Barracken zum Schlafen und genug zu Essen.

Die Männer hält tagsüber nichts in dem Lager. Während die Frauen mit den Kindern da bleiben, sind sie unterwegs und erkunden ihre neue Hauptstadt. So auch John. Mit seinen 37 Jahren ist er niemand, der sich lange ausruht. Zusammen mit seinen Freunden genießt er die neue Freiheit und besucht die Bars der Stadt. Alkohol ist im Norden verboten. Wer erwischt wird, muss mit harten Strafen rechnen. In Juba dagegen weben Bierfirmen überall mit großen Plakatwänden. Wie alle anderen Waren ist auch Bier teuer. Trotzdem ist es für viele Südsudanesen ein beliebtes Mittel um abzuschalten und die Probleme zu verdrängen. Schleichend werden sie so abhängig. Selbst Soldaten sind vormittags schon vereinzelt betrunken in der Hauptstadt anzutreffen.

Am Morgen der Abreise nach Ikotos kommen zwei von Johns Freunden betrunken aus der Innenstadt zurück. Busse und LKWs stehen von der IOM bereit. Alles läuft glatt, bis ein Betrunkener Streit mit einem Kind anfängt. Es setzt Schläge und schnell ist die Meute der Mütter aufgebracht. Zwei Mütter gehen aufeinander los, andere versuchen zu schlichten. Immer wieder ist Alkohol der Anlass für Streitereien. Auch auf der Fahrt nach Ikotos gibt es Streit mit Betrunkenen. Mehrmals muss der gesamte Konvoi wegen ihnen halten.

Nach zwei Tagen, bei der Ankunft in Ikotos sind alle nüchtern. Die Stimmung ist gelassen, all die Streitereien und Anstrengungen sind wie weggeblasen. Am zentralen Freiheitsplatz erwartet der Bürgermeister die Heimkehrer, zusammen mit ihren Verwandten und Freunden. Auch John und seine Frau werden freudig von Verwandten empfangen. Man hat sich lange nicht gesehen. Der Krieg trieb die Familien auseinander.

Bevor die Heimkehrer ein Stück Land zugewiesen bekommen, wohnen sie noch bei ihren Verwandten. Wer keinen Platz findet, darf in einem Haus des Bürgermeisters übernachten. Peter Lokeng ist Bürgermeister, Major und Geschäftsmann in einem. Er ist der Vater Ikotos. Vor 27 Jahren trat er der Befreiungsarmee bei, um sein Land gegenüber dem arabischen Norden zu verteidigen. Bis vor anderthalb Jahren war er noch als Major in Juba stationiert. Zum Bürgermeister wurde er vom Ältestenrat Ikotos berufen. Dieser war mit der damaligen Führung unzufrieden. Seine Uniform hat er von diesem Tag an nicht mehr getragen. Zusammen mit der Organisation Caritas trieb er ein Trinkwasserprojekt voran, um so für jeden Bewohner sauberes Wasser an zentralen Stellen zugänglich zu machen. Um weit verbreiteten Vergewaltigungen und Kriminalität einzudämmen, setzte er mit seinem Amtseintritt auf Dialog. Und das mit Erfolg. Bei der Bevölkerung kommt er gut an, sie schätzen und verehren ihn.

Wahlen braucht er keine zu fürchten, es gibt sie bislang nicht. Wie überall im Südsudan, will die Regierung das Experiment Demokratie nicht überstürzen. Man sei noch nicht bereit: "Es gehe doch erst um den Aufbau des Landes." Ganz nebenbei baut auch er sich privat etwas auf. Am neuen Friedensplatz hat er eine Bar eröffnet, den "Lifestyle Club". Alle Feierlichkeiten, auch der Empfang der Rückkehrer, finden hier statt. Zusammen mit seinem Sohn will er die Bar zum Hotel ausbauen. Die zukünftigen Gäste sind Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und Wirtschaftspartnern. Mit Ihnen will er Ikotos aufbauen und gleichzeitig selber verdienen.

Über die Heimkehrer hat er sich schon früh Gedanken gemacht. Jede Familie bekommt 900 Quadratmeter, am Rande des Ortes zugewiesen. Gleichzeitig fordert er von ihnen, umgehend ihr Land zu bearbeiten. Mit den ersten Ernten soll es später abbezahlt werden. Um die Heimkehrer besser in den Ort zu integrieren will er den Markt verlegen. "Unsere Heimkehrer dürfen nicht außerhalb der Stadt leben. Wir planen mit Ihnen ein neues Ikotos" erzählt er stolz. Überall ist das Land vermessen und abgesteckt. Auch sein Rathaus wird gerade neu gebaut, direkt zwischen den Parzellen für die Heimkehrer. Noch sind erst 84 Familien zurück nach Ikotos gekommen. Viele Südsudanesen scheuen den Neuanfang und bleiben vorerst im Norden. Doch er rechnet fest mit weiteren Heimkehrern und Steuereinnahmen, den diese bringen werden.

Ob diese die erwarteten Einnahmen auch bringen werden, bleibt fraglich. Zwar bekommt jede Familie vom Welternährungsprogramm (WFP) Saatgut und genug Essen für drei Monate, doch bis zur ersten Ernte reicht das nicht. So müssen die Heimkehrer schon kleine Pflanzen ausreißen. Das wiederum verringert die kommende Ernte.

Ihr Hungern treibt auch den Bürgermeister um. Er sucht den Kontakt zu ihnen und vermittelt wo er kann. Im Ort, direkt neben seiner Bar, ist ein Lager des WFP. Mit der Herausgabe von weiteren Lebensmitteln könnte dieser Teufelskreis durchbrochen werden. Angefragt hat er schon bei den zuständigen Behörden. Vielleicht helfen ihm seine guten Kontakte den Hunger zu stoppen. Das würde auch gleichzeitig seine Stadtkasse aufzubessern.

Für John und seinen Freunde sind diese Sorgen erst einmal weit entfernt. Am Tag nach ihrer Ankunft ziehen sie lärmend von Bar zu Bar. Die Heimkehr wird gebürtig gefeiert. Vergessen ist der Krieg, die Flucht und die aufreibende Reise nach Ikotos. Wie überall im Südsudan überwiegt auch bei ihnen Freude und Jubel: "I love you Ikotos", bringt John in gebrochenem Englisch über die Lippen.

Der Artikel erschien in gekürzter Fassung im amnesty Journal (DE), Okt/Nov 2011 Ausgabe.

 
August 2011
Autor: Paul Knecht
Überarbeitet: Oliver Seidl